Auszug Katalogtext 
„SCHWARZ – Die Magie des Dunklen“,  Petra Oehlschlägel, 2016, S. 10 - 12

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Michael Wittassek beschäftigt sich seit vielen Jahren mit äußerster Konsequenz der Klärung, was Fotografie ist und welche Bestandteile essentiell zu ihr gehören. Er befragt sie – teils durch zerstörerische Eingriffe – in manuell erstellten Abzügen nach ihren Bedingungen und Bedingtheiten. Dabei stehen die Polaritäten von Schwarz und Weiß samt aller Graustufen sowie Dunkelheit und Licht im Zentrum.
Das Verhältnis von Bild und Bildobjekt markiert den Kern seiner künstlerischen Auseinandersetzung in diesem Medium. „Der Transfer vom abfotografierten Gegenstand zum Bild in der Ausstellung verläuft grundsätzlich über diese Zwischenstufe der Umwandlung einer Fotografie in ein Objekt einer weiteren Fotografie, in der sich die unüberbrückbare Distanz zwischen Bildobjekt und Bild thematisiert.“ (1) 
In der Installation „Mélanographie“ geht Wittassek explizit auf die architektonischen Gegebenheiten des Ausstellungsraumes ein. Wie ein Bildhauer (2) arbeitet er mit dem Raum und bezieht den Betrachter als werkvollendendes Gegenüber mit ein: Am zentralen Mittelpunkt der stuckverzierten Decke hängt eine große Tropfenform aus dunklen Fotopapieren und ergreift den Raum. Ein Luftzug bereits setzt die offene Form in leichte Bewegung. An den zwei den Fenstern gegenüberliegenden Wänden fangen schwarze gewölbte Spiegel den Raum ein und spiegeln die Architektur, die zur geschlossenen Form vereinheitlichte Fotoskulptur und den sich bewegenden Betrachter.
Die Fotoskulptur thematisiert Schwarz als Grenzerfahrung zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren: Der Künstler hat mattes Barytpapier im Wechsel mit hochglänzendem Kunststoffpapier für den Innenbereich und die Außenhaut seiner Form gewählt. Hier bezieht er sich u.a. auf die sprachlichen Wurzeln des Dunklen: Im Lateinischen gab es nicht nur eine Bezeichnung für Schwarz, sondern niger für das Glänzende und ater für das dunkel Glanzlose. Das Innere schluckt, absorbiert das ohnehin Dunkle umso mehr, die Außenhaut zeigt – im Motiv des Fotos und im Raum – Lichtreflexe. Da die Materialität und Konstruktion der hängenden Form nicht verdeckt wird, sondern sie offen präsentiert das Medium der Fotografie als Abzug auf einem Trägermaterial betont, zeigt sich dem Betrachter immer wieder auch die weiße Rückseite. Dies verstärkt den Kontrast zu den tiefschwarzen und schwarz schillernden Vorderseiten und betont umso nachdrücklicher das Illusionistische des Mediums. 
Michael Wittassek hat den Titel „Mélanographie“ (Die Kunst, Schwarz zu formen) in Referenz zu Raoul Hausmann gewählt, der diesen 1968 für sein Album über die Schatten genutzt hatte. Ist Fotografie das Zeichnen mit Licht, so ist Mélanographie das Zeichnen mit Schwarz bzw. wie Hausmann es verstand, als Aufhebung von Materie: Mélanographie als „Synthese von Geist und Materie“. (3) Das Licht macht sichtbar und ist Ursache alles Sichtbaren. Schwarz dagegen macht unsichtbar und entzieht sich deshalb der visuellen Wahrnehmung. Für Michael Wittassek ist Schwarz das Phänomen, das hilft, die Fotografie von ihrer vermeintlichen Kraft der Abbildung zu lösen: „Auch wenn dieser Bezug in der digitalen Fotografie nicht mehr gegeben ist, so ist schwarz doch auch die Farbe, die zum autonomen Bild und seiner Abstraktion beiträgt, und so für mich das wichtigste Mittel bleibt, die Fotografie von ihrer scheinbaren Nähe zu einer sogenannten Realität zu lösen, und das allzu gewohnte fotografische Bild zu unterwandern.“ (4)
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1  Michael Wittassek in Ausst. Kat. Wahlverandtschaften,  Städt. Galerie Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2013, S. 68
2 Wittassek: „ ... so ist es für mich die Fotografie, die ich als Widerstand ansehe,  die sich mir widersetzt, und die ich versuche zu formen, indem ich sie attackiere,  ja auch zerstöre, um auf ihr Wesen zu stoßen.“ Ebd. S. 69
3 Floris M. Neusüss: Das Fotogramm in der Kunst des 20. Jahrhunderts.  Köln 1990, S. 328 
4 Der Künstler im August 2016

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